Vom Trauma zur Traumerfüllung


© Barbara Schubert

Im Herbst 2010 bin ich auf der Suche nach neuen Methoden für Akne-Behandlung im fortgeschrittenen Alter im Internet auf den Begriff „Skin Picking“ gestoßen. Für mich war das ein Augenblick der Erkenntnis: Das, was mich seit ca. 40 Jahren begleitet, hat endlich einen Namen bekommen. Irgendwie war das auch ein schönes Gefühl. Ein Gefühl, mit diesem Problem nicht alleine auf dieser Welt zu sein.

Ein verunsichertes und ängstliches Mädchen
Ich komme aus einer Familie mit streng hierarchischen Strukturen. Mein Vater war ein autoritärer, äußerst jähzorniger Mensch, der in seinem Verhalten nicht berechenbar war. Er beherrschte die gesamte Familie mit Schreien und Schlägen. Er konnte auch nett und sogar charmant sein, nur leider war für mich und meine beiden Brüder nicht vorhersehbar, was uns als nächstes erwartete. Widerreden, Argumentieren oder Diskutieren wurden nicht geduldet. So habe ich in meiner Kindheit niemals gelernt, meine Gefühle zu zeigen und zu leben, weil dieses Verhalten (fast) immer mit Anschreien oder körperlicher Gewalt bestraft wurde. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in der Kindheit Daumen lutschte und Nägel kaute, wobei immer rigide versucht wurde, mir dieses Verhalten durch Androhung beziehungsweise Durchführung von körperlichen Strafen wieder abzugewöhnen. Hilfe von Nachbarn oder Verwandten gab es nicht.

Für mich war es mit dem Beginn der Pubertät fast nicht mehr auszuhalten. Verbale Entwertung und körperliche Bestrafungen fanden praktisch täglich statt. Im Alter von elf Jahren begann ich mit selbstverletzendem Verhalten und ließ meine innere Wut an mir selbst aus. Ich bearbeitete mich mit spitzen Gegenständen im Gesicht, an Rücken und Dekolleté: Alle Pickel und sonstigen Hautunreinheiten mussten weg. Ich war ein stark verunsichertes, ängstliches Mädchen mit wenig Selbstvertrauen. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich das den Hang zum Pickelausdrücken nicht unter Kontrolle bekam. Jeden Tag verbrachte ich mehrere Stunden vor dem Spiegel. Dann war ein Gefühl, wie in einer Art Trance zu sein – immer auf der Jagd nach dem nächsten „Objekt“, irgendwie glücklich, wenn ich „erfolgreich“ war und beschämt und über mich bestürzt, wenn ich wieder zu mir kam und dann so aussah, als wäre ich gefoltert worden.

Erkenntnisse
Erst viel später wurde mir klar, dass es einerseits eine Gewohnheit war, mich auf diese Art und Weise selbst zu verletzen und es andererseits bestimmte auslösende Situationen gab, die direkt dazu führten, wie ein suchtkranker Mensch sofort auf der Stelle in ein Badezimmer vor den Spiegel zu verschwinden, um mich 'selbst zu bearbeiten'. Gefühle jeglicher Art (Wut, Ärger, Trauer, aber auch Freude) habe ich mit Hilfe von Skin Picking verarbeitet.

Meine Familie, Freunde und spätere Partner haben es zwar (teilweise) bemerkt, aber irgendwie blieb es immer ein Tabuthema. Nur wenn die Aufenthalte im Badezimmer zu lang waren, wurde nachgefragt, ob ich denn nicht bald fertig sei. Mit zunehmendem Alter wurde ich immer geschickter im Auftragen von Abdeckstiften und anderem Make-Up.

Letztlich hat mich das Bearbeiten von Pickeln mein Leben lang begleitet.

Suche nach einem Heilmittel, das endlich hilft
Ich war immer auf der Suche nach einem Heilmittel, was die „böse“ Akne verschwinden lassen könnte. Denn ich war der Meinung, wenn die Pickel nicht mehr da sind, dann ist alles gut, dann brauche ich mich nicht mehr selbst zu verletzen. Natürlich gab es Momente, in denen es besser lief, im Urlaub am Meer, wo ich unendlich glücklich war, dass die Symptome nicht ganz so stark waren. Andererseits bemerkte ich: Wenn ich Stress hatte, insbesondere bei konfliktreichen Situationen, da konnte ich diesem Druck – verbunden mit dem Wunsch, alles „in Ordnung zu bringen/alles glatt zu machen, sauber und rein zu sein“ – nicht mehr standhalten.

Wenn ich es dann doch eine Zeitlang schaffte, mich nicht zu bearbeiten, war danach das Verlangen, Skin Picking zu machen, wieder umso stärker und die Auswirkungen umso heftiger. Ich habe nie mit jemandem direkt über diese Problematik gesprochen, weil ich mich einfach zu sehr dafür geschämt habe, mich selbst zu verletzen, die Kontrolle zu verlieren. Ich glaubte, dass nur ich dieses Problem hatte und dass andere Menschen sich mit solchen Themen niemals ‚herumschlagen’ mussten.

Auf dem Weg zur inneren Heilung
Ab Anfang 20, mit dem Beginn meines Studiums und einer räumlichen Distanz zu meiner Familie habe ich mich stabilisiert und persönlich weiterentwickelt. Ich habe u. a. gelernt, auch auf meine Bedürfnisse zu achten und nicht mehr rundherum fürsorglich für alle Menschen in meiner Umgebung da zu sein, um geliebt zu werden. Erst als ich 2006 meinen Traum-Job als Business Coach gefunden hatte und dort für meine Arbeit und Fähigkeiten tolles Feedback von meinen Klienten erhielt, bin ich mir zum ersten Mal meines eigenen Wertes richtig bewusst geworden.

Während meiner Arbeit als Business Coach lernte ich Klienten kennen, die von Stress, Burnout oder Depressionen betroffen waren. Deshalb habe ich Ende 2009 die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie abgelegt und in 2010 habe ich mich als Business Coach und Therapeutin (HP Psych.) mit eigener Praxis selbstständig gemacht. Im Rahmen weiterer Ausbildungen (Kognitive Verhaltenstherapeutin, Hypnotherapie, EMDR, Aufstellungsarbeit etc.) bin ich immer wieder auch mein eigenes Thema „Skin Picking“ angegangen.

Neue Strategien
Ich habe für mich wirksame Wege gefunden, um im Bad nicht in den Automatismus „Spiegel-Kontrolle = Haut bearbeiten“ zu verfallen. Hierzu gehört beispielsweise funktionierende Alternativen anzuwenden wie: Wenn ich einen inneren Druck verspüre, mache ich aktiv Sport oder Yoga. Wenn ich mich über mein Gegenüber ärgere oder von ihm enttäuscht bin, melde ich ihm das zurück und fresse die Emotionen nicht mehr in mich hinein. Meine Wünsche und Forderungen adressiere ich hörbar und direkt. Die positivste Erfahrung war, dass ich das Thema Skin Picking für mich sozusagen 'aufgestellt' habe. Bei dieser Vorgehensweise arbeitet man mit einem quadratischen Holzbrett und zehn Holzfiguren. Meine Zielsetzung hieß: Ich möchte frei von dem Bedürfnis sein, mich selbst zu verletzen. Das war 2011. Seitdem ist der Drang zum Ausquetschen der Haut rapide gesunken und mein Aussehen hat sich enorm verbessert.

Zwischendrin gibt es immer wieder Phasen, besonders in massiven Stresssituationen (zum Beispiel in Konfliktsituationen), in denen ich bemerke, wie der Druck Skin Picking auszuführen wieder stärker wird. Aber dann setze ich mich in Gedanken mit den auslösenden Ereignissen auseinander und versuche Handlungsalternativen zu finden, die mir gut tun und meine Bedürfnisse erfüllen, ohne mich selbst zu verletzen.

Inzwischen gehe ich offener mit dem Thema um und muss feststellen, dass viele Frauen von diesem Thema betroffen sind. Meine frühere Angst, dafür ausgelacht oder missachtet zu werden, hat sich nicht bewahrheitet, sondern ich bin im Gegenteil auf Verständnis gestoßen. Natürlich gehe ich nicht hin und erzähle es jedem. Aber in einem geschützten Rahmen, wo ich das Gefühl habe, sicher zu sein und verstanden zu werden, da ist es für mich okay.

Mit eigenen Erkenntnissen anderen helfen
Zusammenfassend kann ich sagen: Als richtig geheilt (mit einer Haut wie eine Schönheit aus Film und Presse) werde ich mich nie bezeichnen. Aber ich bin glücklich über meine tollen Fortschritte. Ich biete das Thema Skin Picking als Behandlung in meiner eigenen therapeutischen Praxis an, weil ich meinen Patientinnen das Gefühl vermitteln kann, dass ich weiß, wovon sie sprechen. Jetzt im September 2016 wird ein Buch über Skin Picking auch mit meiner Geschichte als Betroffene und Therapeutin veröffentlicht.

Seit 2010 begleite ich überwiegend Frauen aus ganz Deutschland, die mit dem Thema Skin Picking bei mir Unterstützung suchen. Zurzeit mache ich eine Ausbildung als Trauma-Therapeutin, da ich im Laufe meiner Arbeit festgestellt habe, dass die Ursachen von Skin Picking in meisten Fällen vom Erleben traumatischer Erlebnisse zu suchen und zu finden sind. Insbesondere, wenn sie in der frühen Kindheit stattgefunden haben.

Ich habe das Glück, dass ich heute meine Berufung leben darf und ziehe aus meiner Leidensgeschichte, die mich 40 Jahre lang begleitet hat, eine positive Bilanz. Für mich ist es ein Geschenk, Menschen das geben zu können, was ich als Kind, Jugendliche oder junge Erwachsene gebraucht hätte: Jemand zu haben, der sie versteht, was mit ihnen los ist, der nachvollziehen kann, was in ihnen vorgeht und die Erkenntnis, dass Heilung möglich ist. Das Wissen zu haben, dass ihre Gedanken, das Gefühl anders zu sein und auch das Ausführen von Skin Picking ‚normal’ sind, wenn jemand solche traumatischen Erfahrungen gemacht hat. Ich bin nach allen diesen Jahren endlich bei mir angekommen und dafür bin ich wirklich dankbar, denn seit einigen Jahren liebe ich und lebe ich mein Leben und damit ist mein Traum in Erfüllung gegangen.

Barbara Schubert








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