"Wenn du über Wölfe nachdenkst, hast du schon verloren!"

Jörn Theissig

© via: Jörn Theissig

"Aber was ist, wenn du in der Einsamkeit erfrierst? Oder wenn nachts die Bären kommen?"

Auf meinen Vorträgen in Unternehmen, Unis oder Schulen sind die Zuhörer oft von meinen sportlichen Leistungen beeindruckt. 70 Kilometer am Tag, 7 Tage hintereinander bei arktischen Temperaturen durch tiefen Schnee zu laufen und dabei noch einen vollbepackten Schlitten hinter sich her zu ziehen. Dass dies anstrengend ist, ist den Zuhörern schnell klar. Verstärkt wird diese Anerkennung der sportlichen Leistung aber noch durch die Risiken und Gefahren, die sich die Vortragsteilnehmer ausmalen und die der Ausdauerleistung erst den richtigen Rahmen geben.

Die Existenz von Risiken akzeptieren
Zwei Dinge vorweg: Erstens werden wir während des Rennens sehr gut medizinisch betreut. An jedem Checkpoint werden genaue Untersuchungen durchgeführt, um Erfrierungen zu vermeiden, und es werden unterschiedliche Körperwerte analysiert. Es ist also immer ein gutes Gefühl zu wissen, dass am nächsten Checkpoint jemand auf dich wartet.


Aber natürlich kann der Yukon Arctic Ultra (YAU) gefährlich werden und man ist zwischen den Checkpoints alleine unterwegs! Ich erlebte extreme Nächte mit Temperaturen von -48 Grad. Bei meiner zweiten Teilnahme gab die Hälfte der Teilnehmer wegen dieser Kälte und aus Angst vor Erfrierungen schon am dritten Tag auf. Man belastet den Körper sehr stark, da man 14 bis 16 Stunden am Stück unterwegs ist, bei höchstens fünf Stunden Schlaf. Man ist in der Wildnis unterwegs und man ist ganz auf sich allein gestellt.

Meine Vorbereitung auf spezielle Risiken
Ja, es gibt natürlich Risiken und Gefahren. Aber ehrlich gesagt: Angst spielt in meiner Gefühlswelt keine große Rolle. Nicht im beruflichen Alltag bei der Polizei und auch nicht in der Wildnis. Für mich ist es wichtig, gut vorbereitet zu sein, mich auf die Aufgabe zu fokussieren, den eigenen Körper zu kennen und somit letztlich Überraschungen zu vermeiden. Lasst mich dazu einige Beispiele geben:

Meine Vorbereitungsphase vor einem Lauf besteht natürlich auch aus Konditionstraining, aber besonders wichtig ist mir die strategische Planung. Ich will Unwägbarkeiten bereits vorher einmal durchgegangen sein, um nicht von ihnen überrascht zu werden. Für jeden einleuchtend sind die Temperaturen in der Arktis, an die sich der Körper gewöhnen muss. Dies trainierte ich, in dem ich mich in einem Kühlhaus einschloss. Temperatureffekte zweiter Ordnung sind aber auch nicht zu vergessen. So trainierte ich zum Beispiel, wie ich mein Zelt möglichst schnell mit dicken Handschuhen aufbauen kann.

Eine besonders kritische Phase in der Kälte der Arktis ist nämlich jeweils der Übergang von der Laufphase in eine Erholungsphase oder den Aufbau des Nachtlagers. Hier braucht man eine Menge Disziplin, um den richtigen Ablauf einzuhalten und alle Prozesse möglichst schnell umzusetzen. „Pause ist doch etwas Schönes, warum soll das kritisch sein?“, mag nun mancher denken. Nun, nach den Anstrengungen der Laufphase bist du erhitzt, wenn nicht sogar nassgeschwitzt. Bei -30 Grad musst du sehr schnell die nasse Kleidung loswerden und gegen die warme Daunenjacke tauschen.

Anschließend muss möglichst schnell das Zelt aufgebaut werden, was man sich nicht so vorstellen sollte wie auf einem normalen Zeltplatz. Am Yukon hast du Champagnerschnee, also weichsten Pulverschnee, der dich, sobald du neben den Trail trittst, bis zur Hüfte einsacken lässt. Du musst also zunächst ein Loch graben, ein stabiles Fundament bauen und dann ruckzuck dein Zelt aufbauen. Diese Bewegungsabläufe habe ich dutzende Male geübt, so dass es mir dann in 6-7 Minuten gelang. Schnelligkeit ist bei den Pausen also besonders wichtig und jeder Griff muss sitzen.

Mit Angst umzugehen lernen
Ein anderes Beispiel ist das Umgehen mit absoluter Dunkelheit. Natürlich habe ich eine Kopflampe dabei, doch was passiert, wenn die ausfällt? Ich übte in meiner Vorbereitung tatsächlich, bestimmte Handbewegungen in absoluter Dunkelheit durchführen zu können. Apropos Dunkelheit: Angst im Dunkeln sollte man nicht haben, wenn man am YAU teilnehmen möchte. Wie viele tierische Augen mich nachts beobachtet haben, wenn ich mit der Stirnlampe durch den Schnee gestapft bin, kann und möchte ich gar nicht so genau wissen. Wenn du anfängst, dir Gedanken über einen möglichen Angriff von Wölfen, Pumas oder Luchsen zu machen, dann hast du schon verloren. Du schläfst schlecht ein, und ohne gesunden Schlaf kannst du am nächsten Tag keine Höchstleistungen erbringen.

Obwohl ich damit eigentlich keine Probleme habe, gab es einmal dennoch so eine Situation, in der ich sofort hellwach war. Es war gegen 2 Uhr morgens, ich war gerade aufgestanden und hörte plötzlich aus dem Wald lautes Geheule. Da ist mir das Herz schon in die Hose gerutscht und ich musste erst mal überlegen, wie es jetzt am besten weitergeht. Nach einigen Momenten mischte sich dann Gebell in das Geheule, statt eines gefährlichen Wolfsrudels war dort bloß ein Hundeschlitten von einer nahe gelegenen Husky-Farm unterwegs. Da ging es mir gleich wieder besser.

Reagieren wenn aus Risiken wirkliche Gefahren werden
Trotz der Gefahr durch Tiere und dem wohl größten Risiko, dass man sich gefährliche Erfrierungen zuzieht, waren es am Ende meine Beine, die mich 2015 zur Aufgabe zwangen. Diese werden beim YAU extrem belastet, einerseits durch die unglaubliche Distanz, aber besonders durch die unnatürliche Bewegung, die man tagelang ausführt. Da man durch oft losen Schnee läuft und dabei die mit Lebensmitteln und Ausrüstung beladene und ca. 30 kg schwere Pulka hinter sich herzieht, hebt man ständig den Vorderfuß stärker an. Wie mehrere andere Läufer auch litt ich an einem Schienbeinkantensyndrom, das die Beine so stark anschwellen ließ, dass meine Blutgefäße in Gefahr waren. Ich versuchte, die Schwellung durch Kühlung zu reduzieren, aber irgendwann ging es dann einfach nicht mehr.


Auch aus heutiger Sicht war es richtig, dass ich aufgehört habe. Ich war bereit, ein gewisses Maß an Schmerzen auszuhalten, aber meine Gesundheit wollte ich nicht gefährden, und es ist wichtig, in solchen Situationen auf den eigenen Körper zu hören.

Natürlich möchte ich diesen Artikel nicht beenden, ohne die wichtigste Frage zu beantworten:
Was ist denn nun mit der Gefahr durch Bären?
Die halten zum Glück Winterschlaf.

Hoffentlich seid ihr auch bei meinem nächsten Artikel dabei, bis bald!

Euer Jörn






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