Wechselspiel der Extreme

Jörn Theissig

© via: Jörn Theissig

Die Extremsportler Wolfgang Kulow und Jörn Theissig wollen den Baikalsee zu Fuß von Süden nach Norden überqueren. Mit ihrem Lauf erfüllen sie sich einen Lebenstraum und möchten in Ko-Operation mit Viva con Aqua Menschen an die Trinkwasserproblematik erinnern und zu Spenden für ein Projekt in Nepal überzeugen. (Hier geht es zum Spendenformular: Betterplace.org/fundraising-baikalsee.")

Was ist notwendig?
Wenn ihr meine bisherigen Dreampions-Artikel gelesen habt, wisst ihr bereits, dass ich die Natur liebe und mir nichts Schöneres vorstellen kann, als in Eis und Schnee unterwegs zu sein. Das heißt aber nicht, dass ich permanent im Eis leben möchte oder gar die Zivilisation ablehne. Mir gefällt gerade das Wechselspiel aus diesen beiden Extremen.

Es gibt natürlich durchaus Gemeinsamkeiten zwischen meinen Abenteuern und meinem Beruf als Kriminalbeamten. In beiden Lebensbereichen brauche ich Stärke, Durchhaltevermögen und strategisches Vorgehen. Wenn Jörn, der Berufsmensch, zu Jörn, dem Privatmenschen, wird, ist es gerade dieser Wechsel, der mir den Ausgleich bringt und die Work-Life-Balance unterstützt. Ob man es mag oder nicht, es ist eine Tatsache, dass wir alle in einer Konsumgesellschaft leben. Viele Dinge erleichtern unser Leben. Ob sie essenziell notwendig sind, ist eine andere Frage. Wir leben in einer Kommunikationsgesellschaft, in der wir jederzeit erreichbar sein sollten. Wir sind vielen äußeren Einflüssen ausgesetzt, Erwartungen und Anforderungen. Es gehört zu unserem Alltag und ich akzeptiere dies, so wie es ist, und nutze natürlich auch viele der gebotenen Möglichkeiten.

Beschränkung auf das Wesentliche
Für mich ist es aber auch wichtig, regelmäßig ein paar Schritte zurück zu gehen und mich zu fragen: Was passiert, wenn diese als selbstverständlich gesehenen Hilfsmittel nicht vorhanden sind? Ich möchte mich bewusst freiwillig diesem Verzicht unterwerfen. Natürlich habe ich auch in der Arktis bestimmte technische Hilfsmittel dabei, wie den Gaskocher, das Satellitentelefon oder besondere funktionale Kleidung. Aber es gibt mir Stärke zurück, wenn ich sehe, dass ich aus mir selbst heraus in Mutter Natur bestehen kann. Es ist ein tolles Gefühl, mich allein auf mich selbst verlassen zu müssen. Es ist niemand da, der mir helfen könnte, gleichzeitig bin ich auch nicht fremdgesteuert und nur von meinen eigenen Anstrengungen und Entscheidungen abhängig. Für mich ist gerade der Wechsel zwischen den beiden Lebenssituationen faszinierend. Auch ich nutze und schätze viele der Möglichkeiten, die wir heutzutage im Alltag haben, aber ich liebe die Erdung, wie ich es gerne nenne, durch die Zeit in der Natur.

Eine wichtige Lektion, die einem Abenteuer in der Natur lehren, ist sich auf das Wesentliche zu beschränken. Es ist schon fast eine strategische Aufgabe, wenn ich mich entscheiden muss, was mit auf den Trail kommt und was eben nicht. Du willst keine unnötigen Dinge mit dir herumschleppen, aber auch nicht auf vielleicht kritische Dinge verzichten. Bei diesen Entscheidungen hilft mir mittlerweile auch meine Erfahrung, denn ich verzichte jetzt eher auf Dinge, die ich vor Jahren noch bei mir trug, die sich aber eher als unnötiger Luxus herausstellten, aber mit Isomatte, Schlafsack, Zelt, Kleidung, Geschirr, kalorienreicher Ernährung, vier Thermoskannen, Atemmaske, Satellitentelefon, GPS-Tracker, Stirnlampe, Notfallausrüstung und einigen anderen Dingen bin ich dann doch gut am Schleppen.

Fokus
Multi-tasking ist so eine andere Sache, die du zuhause regelmäßig machst, dir in der Natur aber schnell abgewöhnen musst. Wenn du in Eis und Schnee unterwegs bist, darfst du keinen Fehler machen! Das Eis verzeiht dir nichts und du musst dich 100% auf die Aufgabe konzentrieren, im Hier und Jetzt sein. Wenn du körperliche Probleme bekommst, ist es gefährlich, denn diese kommen schleichend. Erfrierungen können dich überall treffen, erst wird die Körperstelle weiß und irgendwann ist die Erfrierung da. Deswegen sagen ja auch viele, die auf großen Polarexpeditionen Menschen sterben sahen, dass diese eher vor sich hin schlummerten und dann plötzlich aufhörten zu leben. Man muss immer wachsam sein und darf sich nicht ablenken lassen!

Alltägliches wird zur Herausforderung
Gleichzeitig solltest du die Natur aber nicht als Gefahr oder Gegner sehen, vor der du Angst haben musst. Du musst dich wirklich auf die Natur einlassen, denn letztlich gibt sie dir den Tagesablauf vor. Alleine durch den Wechsel der Hell-Dunkel-Phasen wirst du stark beeinflusst in deiner zeitlichen Planung. Genauso die Wasserversorgung: Du musst deinen Wasservorrat immer im Auge haben und entscheiden, wann du wieder Schnee schmelzen musst. In Deutschland habe ich Mineralwasser im Kühlschrank und hole mir ein Glas, wenn ich Durst habe, ohne groß nachzudenken. In der Arktis habe ich vier Thermoskannen dabei und ich muss mit meinen Reserven haushalten. Wenn zwei Kannen leer sind und ich die dritte angehe, muss ich mich die Trinkwasserschmelze vorbereiten, da immer eine der Kannen als Notreserve gefüllt sein muss.

Ein anderes Beispiel einer Aktivität, die in der Arktis sehr viel komplizierter ist als zuhause: Der nächtliche Gang zur Toilette. Normalerweise wachst du auf, denkst „ich sollte mal gehen“ und taperst schlaftrunken zur Toilette und zurück, um dann schnell weiterzuschlafen. Nicht so in der Arktis. Wenn du nicht die Alternative einer Pinkelfalsche im Schlafsack wählen möchtest, kämpfst du dort eine halbe Stunde gegen deine Blase, um den Gang zu vermeiden. Die Blase gewinnt und dann geht es los. Wegen der Kälte musst du dich komplett anziehen, bevor du das Zelt und den Schlafsack verlässt. Nach Verrichtung musst du dich nicht nur wieder komplett ausziehen sondern auch jegliche Schneereste von Kleidung und Schuhen entfernen, um keine Feuchtigkeit in den Schlafsack zu bringen, da sonst die Wärmeisolierung der Daunen nachlässt – und ein warmer, funktionierender Schlafsack ist eine der wichtigsten Sachen, die ich dabei habe. Der Schlafsack ist dein einzig warmer Rückzugsort während der Expedition. Wenn der feucht ist, du nachts frierst und dadurch nicht mehr richtig schlafen kannst, verlierst du so viel Kraft – ohne richtige Erholung geht es nicht und es kann sehr gefährlich.

Gefahren
Interessant ist auch das Thema „Gefahren“. In der Stadt sind wir auch permanent Risiken ausgesetzt, wie zum Beispiel im Straßenverkehr, die wir aber akzeptiert haben. Die meisten Menschen sehen dagegen eine Expedition wie den Yucon Artic Ultra (YAU) als sehr gefährlich an.

Ich sehe das anders: Wenn ich gut vorbereitet bin, mich mental richtig eingestimmt habe und natürlich körperlich gut drauf bin, bringt der Start des YAU nicht das Risiko, sondern das Risiko liegt eigentlich schon hinter mir. In den letzten 2-3 Wochen vor dem Start ist die Angst immer da, dass ich mir einen Infekt zuziehe, der mich weit zurückwerfen oder gar einen Start unmöglich machen würde. Besonders gefährlich ist in dieser Hinsicht der Flug: Du sitzt mehr als 10 Stunden mit Hunderten von Leuten zusammen, die Erkältungen mitbringen können. Dein Sitznachbar ist wenige Zentimeter nur von dir entfernt und den ganzen Flug über ist die Klimaanlage an. Im Hotel geht es dann weiter mit Klimaanlagen drinnen und dem extremen Wechsel in die Kälte, das heißt, die Risiken liegen nicht allein in der Natur, sondern in dem Wechsel aus Natur und Zivilisation.

Auf dem Trail, auf dem Eis oder von der Natur alleine wird man nicht krank, und ich fühle an der Startlinie immer eine große Erleichterung, dass die durch die Zivilisation ausgelösten Krankheitsrisiken mich nicht mehr einholen können. Und in diesem Sinne freue ich mich jetzt natürlich besonders auf unser Abenteuer am Baikalsee, von dem wir euch regelmäßig berichten werden.

Vielen Dank für eure Unterstützung für unsere Expedition und unser Spendenprojekt (Betterplace.org/fundraising-baikalsee.")

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